20. August 2009

Warten

Jovanka Popova ist seit zwanzig Jahren tot. Das ist so lange, wie ich lebe. Ihr Körper lebt noch, sie geht einkaufen und sagt Gottseidank am Telefon, wenn man sie fragt, wies geht. Aber das ist eine Frage der Zeit, sie haben bereits die ersten zwei Zahlen ihres Todesjahres in den Grabstein geritzt, weise überlegt, dass sie das nicht überleben wird, dieses Jahrhundert. Der Grabstein sieht aus wie zwei Flügel oder Buchseiten, aus schwarzem Marmor wie die beiden Grabplatten davor, weich und warm von der vielen Sonne. Unter der einen liegt Milan Popov, unter der anderen Jovanka, nur ihr Körper ist noch nicht da, weil der noch lebt. Sonst ist alles da. Ihr Konterfei ist kunstvoll und realitätstreu mit feinen Strichen in den tiefschwarzen, glattpolierten Marmor geritzt. Mit allen Falten, die sie damals hatte, und dem müden Lächeln, Muttermahl, Amulett und der Ausschnitt des Kleides, das sie seit dem nie mehr getragen hat. Ihr Gesicht prangert da, geistergrau auf schwarzem Glanz, neben dem Gesicht von Milan und davor hat sie einen Espresso und zwei Wassergläser hingestellt, faulende Trauben, schmelzender Käse, austrocknendes Brot, ein zerfleddernder Melonenschnitz und ein Stück Würfelzucker. Für ihn und für sich selbst, vielleicht. Nur die zwei fehlenden letzten Ziffern ihrer Todeszahl erinnern daran, dass da noch etwas fehlt.

Die Bedeutung der Dinge zu spüren ist den Leuten immer schwer gefallen. Das war 1988, als sie den Milan im schwarzen Sarg mit den Silbergriffen den Grabhügel von Kavadarci hoch schleppten, zwischen den Gräbern vorbei stolpernd, die ordnungslos aneinandergepresst auf diesem Hügel herumliegen. Vollständige und unvollständige, verwilderte und polierte, prunke und ärmliche, alle zusammengepfercht, von Wegen, Trampelpfaden oder gar nichts getrennt, ordnungslos. Das war 1988, als sie da hoch ging mit dem schwarzen Schleier und Tränen und mageren Friedhofskötern, die zwischen den Grabsteinen herumtapsten und auf den Trauertrupp schielten. Als sie kreischend die einäugige Katze vom Grab weg jagte und ihr Konterfei prangern sah und das Gesicht vom Milan. Das sind zwanzig Jahre. Sie ist immer noch nicht tot. Und doch wird sie sich nicht mehr bewegen. Irgendwann werden sie die Marmorplatte heben und ihr Sarg darunter verstauen. Die zwei Zahlen einritzen wie bei allen anderen auch.