1. Januar 2010

So als ob

Sagt ichs doch! Das ist so noch nie weitergegangen. Das geht so nie weiter. Einfach biertrinken und dasitzen und daran denken, dass es irgendwann ja doch besser werden müsste, weil das sonst ja gar kein Spass machen würde, das Leben und das ganze darumherum. Nein, eben nicht, eben das genau ist die Täuschung; die schreckliche Täuschung, auf die wir alle reinfallen. Tag täglich fallen wir da rein wie in ein Fass ohne Boden oder wie in diese tiefste Meerestiefe, deren Name mir entfallen ist, wie einem so vieles entfällt, einfach davonfällt und garnirgendwo hinfällt, einfach weg ist und nirgendwo ankommt aber nicht mehr da; nie wieder da ist. Das war gestern so, das ist schon immer so gewesen, das wird auch morgen so sein und heute, ja, heute ist es auf alle Fälle so. Da bin ich mir ganz sicher, das könnte ich sogar beweisen. Das geht einfach nicht. Nichts geht.

Da haben wir Träume, die hegen und pflegen wir wie kleine Kinder, als würden sie nie weinen und scheissen, nie kreischen und Geschirr zu Boden schmeissen, als wäre alles in Ordnung und heile Welt; ja, so tun wir, so behandeln wir die Täume, tagein tagaus, als wäre nichts dergleichen. Dabei werden wir beschissen, werden wir ja so grausam und unnachgiebig beschissen, dabei hauen uns diese Träume jede einzelne Sekunde unseres erbärmlichen Lebens ums Ohr, um beide Ohren und unseren Körper und um unsere Seele noch dazu, einfach um alles, um alles hauen uns die Träume herum. Die hingegen, die kennen keine Gnade, die kennen gar nichts, überhaupt nichts, nicht einmal ein bisschen Mitleid, ja, nicht einmal Schadenfreude kennen die, das wäre ja noch was, das ginge ja noch, da hätte man wenigstens einen Grund, sie zu hassen, wenn die wenigstens sauer Lächeln würden nachdem sie einen auf der Strasse totgeschlagen haben; aber nein, nichts dergleichen, keine Regung, als wäre nichts geschehen, als hätten sie nur gerade ihre höchst alltägliche Arbeit verrichtet, so wie wir irgend ein beschissenes Ding mit der Maus anklicken, so, also ob nichts geschehen wäre, als ob alles in Ordnung, als ob die Welt das Paradies wäre. So als ob. Unglaublich diese Träume. Das ist das brutalste. Da geht nichts darüber. Das übertrifft keiner. Da sticht jeder ins Leere.

Ich habe mir das zwar mal angesehen. Hatte das gefühl, dass sich da draus doch was machen lassen sollte. Glaubte, irgendwann würde das doch weitergehen. Aber eben. Das war noch nie so und wird auch nie so sein. Das weiss jedes Eichhörnchen und auch das Reh, das ich gestern Nacht fast überfahren hätte vor lauter Dunkelheit und Autoscheinwerfern im Rückspiegel. Herrgott. Fast überfahren hätte ich dieses Reh. Es kam von rechts und trottete da so über die Strasse und die anderen hinten riefen he, ein Reh. Das musste ja so kommen, dachte ich, und dann fuhr ich weiter und es kam kein Reh mehr, überhaupt nichts mehr kam dann, wie es ja so oft ist im Leben: Es kommt dann, wenn es ganz ungelegen ist, und dann überhaupt nicht mehr.

Wohin fahren, also, frage ich mich dann. Wohin lieben und denken, wozu stinken und sich die Seele verrenken. Warum sich nicht einfach versenken? Als ob man gar nicht wäre? Oder nur ein Gewicht, ein totes, schweres Gewicht, das im Wasser untergeht. Ohne Blasen zu hinterlassen. Ohne gar nichts. Einfach untergeht. Einfach versinken im Sumpf oder im Meer der Bitterkeit in einer Welt voller Scheinlügen. Scheinlügen die zwar Lügen sind aber wie Scheinlügen aussehen damit jeder glaubt, es seien nur Scheinlügen wo es doch Lügen sind. Wie die Lüge vom es geht ja doch. Es geht eben doch nicht! Aber das ist ja auch so eine Scheinlüge. Irgendwie geht es ja doch immer weiter. Ach.