31. März 2010
Der Maskenball
Und wie ich so da sass, sah ich ein, dass die Welt gar keine Kugel ist sondern ein Plattgesicht, über das man jede Gauklermaske ziehen kann um so zu tun als ob. Ich sass da auf einer hölzernen Sitzbank hinter dem Bahnhof und es wurde gerade Frühling und allmählich Nacht. Die Sonne war schon über die Häuser hinweg hinter den Horizont geflohen, der Himmel noch blau und klar. Da war diese Imbisbude vor mir und ein müder Abend, in mir war Leere und auf einmal das Bild vom Schwein. Das kam wohl mit dem beissenden Fleischgestank durch die Nase herein. Da lag dieses tote kleine Ferkel, ausgetrocknet neben seiner Mutter. Nebenan ein haufen scheinbar lebender Ferkel, ein paar Tage alt, unter einer roten Wärmelampe. Eng rundherum sind Gitterstäbe. Das war in der Nacht in einem riesigen dunklen Schweinestall voller Mutterschweine und kleinen Ferkeln, irgendwo verloren zwischen den Feldern unter dem schwarzen Himmel. Vor mir die Imbisbude und irgendwo, dachte ich, irgendwo wird jetzt einer erschossen. Ein Mädchen vergewaltigt. Neben mir küssen sie sich in den Frühling, die zwei. In dieser Stadt gibt es einen Schlachthof. Da rutscht gerade ein zitterndes fettes Schwein auf der Gummimatte aus, bevor es den Bolzen kriegt. Das ist das Ende eines Schweinelebens zwischen Gittern, nur immer Gitter, Gitter und rotes Licht und Mastfutter. Es wird dann zerteilt und in den Supermärkten verkauft. Dort essen es die Verliebten und Studenten und Arbeiter, die einsame Wittwe, die unter mir wohnt und langsam paranoid wird. In dieser Stadt wird gegessen und getrunken, gelallt und gestunken, hier streiten und lieben und vögeln sie sich am Abend. Und den Tag durch stapeln sie Nichtigkeiten auf Nichtigkeiten und bauen ein Leben darauf. Und in Nichtigkeiten löst sich das ganze Dasein auf. Gedanken, Gespräche, Gefühle - alles belagert vom alliierten Heer der Nichtigkeiten: Arbeitszeiten, Arbeitsstellen, Rügen, Betrüge, Löhne, Zeitungen, Lebensmittelpreise, Bussen. Vögel zwitschern in den Abend hinein, ein Märzwind bläst den Staub vorbei. Und irgendwo stirbt jetzt einer, sind seit ich da sitze tausend schon gestorben, und tausend vielleicht geboren. Einem stossen sie jetzt Holzspäne unter die Fingernägel, einem anderen Elektrostäbe in den Arsch und eine Frau wird irgendwo trotz Gegenwehr ertränkt. Einer nackt durch den Schnee getrieben, einem ins Gesicht gespuckt. Irgendwo gibts echte Schmerzen. Schreckensgespenst. Und die Welt sitzt da wie ich und schaut ins Leere, steht auf und geht weiter.